Man hat das Gefühl, es gibt eigentlich niemanden, der gerade nicht mitdiskutiert: Die Frage: „Wie geht es weiter mit dem HomeOffice“ bewegt Vorstands–, Betriebsrats– und Teamsitzungen in der ganzen Republik. Deutsche Traditionskonzerne schaffen nebenbei mal eben die Präsenzpflicht ab und der Büroflächenmarkt könnte sich langsam Sorgen machen. Die ZEIT, die Süddeutsche und jüngst der Spiegel – alle beschäftigen sich mit der Ankunft eines vermeintlich neuen „HomeOffice Zeitalters“ und zeichnen das Bild einer rosigen, freiheitlichen Zukunft.
Während die quantitative Seite der Diskussion quasi schon erschöpft ist, fehlen die qualitativen Argumente fast überall: Wenn ich Kollegen in verschiedenen Unternehmen, Führungskräfte und Experten nach ihrer Einschätzung zur Produktivität im „Corona HomeOffice“ frage, weiß kaum jemand eine richtig gute Antwort: Einen echten Produktivitätsabfall hat es wohl nicht gegeben – einen signifikanten Anstieg aber auch nicht. Konkret heißt das: Die Arbeit von zu Hause war weder ein Hinderer noch ein Katalysator für gute Arbeitsergebnisse.
Im Umkehrschluss gilt dasselbe dann logischerweise auch für die jetzt so viel gescholtene „Präsenzpflicht“ – die hat offensichtlich ebensowenig Einfluss auf die Ergebnisse unserer Arbeit.
Diese Corona–bedingten HomeOffice Erfahrungen hinterlassen in unseren Organisationen mehr als die Erkenntnis: „Es geht auch irgendwie zu Hause.“ Wir stehen als Unternehmen vor einer zentralen Frage unserer Arbeitsorganisation:
Wenn das Büro keine allgemein gültige Vorbedingung für Produktivität ist – Welche Tätigkeiten können dann in welcher Umgebung am effektivsten erledigt werden, alleine, im Team und in der Führung?
Ein lapidares „einmal pro Woche darf jeder ins HomeOffice“ wird nicht ausreichen, um diese Frage zu beantworten – dafür ist unsere Arbeitswelt längst viel zu komplex. Wir müssen als Mitarbeiter, Teams und Führungskräfte Antworten finden, die für uns, unsere Aufgaben und unsere Zusammenarbeit passen. Eine „one–size–fits–all“ Regel, die „von oben“ entschieden wird, ist zum Scheitern verurteilt-denn: Sie wird nie gut genug sein, um individuelle Bedürfnisse und Arbeitsstile mit Teamkultur in Einklang zu bringen.
Der einzige Weg, der funktionieren kann, ist einer, der mehr Freiheiten lässt, selbst als Mitarbeiter und als Team zu entscheiden, wie wir am besten arbeiten – zum Beispiel mit den folgenden Fragen:
Wann brauche ich als Individuum Ruhe und Konzentration? – Was übrigens nicht immer gleichzusetzen ist mit dem häuslichen Arbeitszimmer.
Woher erhalte ich persönlich Inspiration und wo kann ich Andersdenkende treffen, die mir neue Perspektiven geben? Wann brauche ich diesen einen Kollegen, der alle meine Ansätze in Frage stellt? – Diese Menschen gibt es häufig weder im HomeOffice noch im Büro.
Wann brauchen wir als Team die gegenseitige Expertise? – Je nach Team ist das in verschiedensten Formaten bestmöglich abbildbar – von der Whatsapp–Gruppe über das Feierabendbier bis zum Strategieworkshop.
In welchen Situationen braucht es „diese besondere Teamkultur“, Raum und Zeit, auch das zu hören was niemand direkt aussprechen möchte? – Das ist virtuell genauso herausfordernd wie auf dem Büroflur vor der Toilette.
Wieviel Führung und wieviel Selbstorganisation braucht unser Team wirklich, und wie kann diese Führung aussehen? – Der klassische „30–Minuten–JourFixe“ mit der Führungskraft hat für viele Wissensarbeiter in der VUCA Welt längst ausgedient, egal, ob mit oder ohne Augenkontakt. Gute Führung ist längst keine Frage des Ortes mehr sondern eine der Beziehung, der Prioritäten, der Klarheit und Authentizität – und damit deutlich facettenreicher als ein Ort oder ein bestimmter Zeitpunkt.
Als HR–Experten, Unternehmensleitungen, NewWorker und Kulturwandler stehen wir gerade jetzt vor der besonderen Aufgabe, unseren Organisationen dabei zu begleiten, diese neue Freiheit gut auszugestalten und nachhaltig in Kultur zu verwandeln. Denn, unsere Unternehmens– und Teamkulturen, die zentralen Identitätsstifter für unsere Mitarbeiter, entwickeln sich gerade rasant weiter – und das jenseits von Drehkreuzen und Kantinen. Wir haben die Chance, eine deutlich nachhaltigere Veränderung auszulösen, als jede HomeOffice Regel das könnte, die gerade durch die Schlagzeilen geistert.
Kurzum: HomeOffice Regeln sind nicht die Lösung für unsere Produktivität in einer komplexen Arbeitswelt – weil das Büro und die Präsenzpflicht nicht das Problem sind. Letzten Endes muss es uns allen darum gehen die richtigen Dinge, im richtigen Format mit den richtigen Menschen zu tun –. Form follows function eben.
