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Glitzer, Bullshit-Bingo und Popstars – ein Plädoyer für einen authentischen NewWork Diskurs

Ein Kollege, der bei einer großen Bank als Agile Coach arbeitet, verkündete mir neulich stolz bei einem Bier, er habe jetzt 5000 Mitarbeiter komplett “durch-agilisiert.” Ich war schwer beeindruckt und dachte wehmütig an das Unternehmen, für das ich arbeite. Auf dem Weg nach Hause las ich wieder einmal hunderte LinkedIn Posts von Kollegen, Freunden, Beratern und Vorbildern und bestaunte deren Fortschritte, die fetzigen Veranstaltungen, und die scheinbar “durch-agilisierten” Organisationen da draußen.

Das Erlebnis beim Bier hat sich längst in unserem Arbeitsalltag manifestiert: In meinem Kalender stehen AgileDays, LearningCamps, ich folge Podcast-Machern und inspirierenden Beratern – die HR Community applaudiert den wenigen Magnussens, Steppers, Purps-Pardigols und Schirmers auf der Suche nach dem einen Patentrezept und der Lösung für organisationale Komplexität. Wir haben längst unsere Popstars gefunden und reproduzieren, liken und zitieren die vielen Hashtags, Videos und Artikel, die langsam aber sicher zur Grundlagenliteratur für hippe HRler wird.

Und so ist der Diskurs, den wir als Kollegen über NewWork und Agilität führen einer, der von Glamour, von bunten PostIts und guter Stimmung geprägt ist. Wir alle wollen zeigen, dass das, wovon wir überzeugt sind, und was wir uns selbst so wünschen, in unserem Arbeitsalltag wirkt, dass wir die Veränderung wirklich sehen und spüren können.

Was dem Diskurs erstaunlicherweise fehlt sind die authentischen Erfahrungsberichte unserer Kollegen. Fragt man nach, sind alle irgendwie auf der Reise, die meisten haben mehr Misserfolge als Erfolge erlebt und eine nur eine vage Idee, woran ihr Kulturwandel, ihre “Durch-Agilisierung” krankt. Viele warten auf die Unternehmensleitung um die eine große Entscheidung zu treffen oder suchen nach einem Weg, anzufangen. Manche setzen auf Möbel, andere auf WOL, wieder andere auf DesignThinking – und natürlich ist alles richtig und bestimmt irgendwie auch wirksam.

Die Vision einer anderen, einer besseren Arbeitswelt leidet unter ihrem eigenen Bullshitbingo – auch, weil wir als HR Community immer stärker unter Druck geraten, die Lösungen zu kennen. Businessvertreter, Unternehmensleitungen, Personalvorstände, Führungskräfte…alle schauen sie zu uns auf Suche nach der einen Antwort die Licht ins Chaos bringt. Das ist natürlich schön, aber es ist auch gefährlich.

Einerseits, weil wir uns momentan an viele Stellen den Raum zum Lernen nehmen. Wenn niemand postet, was alles nicht funktioniert, wie langsam Kulturwandel in Wahrheit ist, fehlt der Realitätscheck und wir messen gegen die falschen Maßstäbe.

Andererseits weil wir als Kollegen, Experten und Berater ein “Silo der Missionierten und Coolen” bauen, die anders arbeiten und die es eben einfach besser wissen – in unseren Turnschuhen, auf Sperrholzmöbeln entwickeln wir das nächste disruptive Ding, oder nicht? Solche Stereotypen verprellen und verwirren diejenigen, die noch nicht verstanden haben, worum es wirklich geht und erschaffen einen Exotismus der uns selbst abgrenzt. Wann habt ihr das letzte Mal “Agilität” dem Finanzvorstand, einer Bereichsassistenz oder einem Kollegen im Logistikzentrum erklärt? Kann NewWork auch in ganz normalen Räumen stattfinden? Ist das für Menschen die über 30 auf der untersten Hierarchieebene überhaupt relevant?

Wenn wir das, woran wir glauben, in die Wirklichkeit unserer Organisationen tragen wollen, müssen wir anfangen authentisch zu sein, auch die Dinge zu erzählen, die nicht gut laufen, den Begriff “agil” charmant entzaubern und ihn anfassbar machen, damit wirklich alle uns folgen können – nicht nur die, die uns ohnehin schon mögen. Und ganz ehrlich: Eine Organisation, die in einem Jahr “durch-agilisiert wurde” wird den Kulturwandel dahinter noch lange mit sich tragen. Die Idee einer anderen Arbeitswelt ist kein Tool und kein Podcast, kein LinkedIn Post und kein DesignThinking Workshop – es geht darum, unser aller Verhalten zu ändern – das braucht Zeit und es braucht Fehler, aus denen man lernen darf ohne dass man damit die interne Kommunikationskampagne torpediert.

Dazu dient dieser Blog, zur Menschlichkeit und Authentizität im Diskurs, in der Hoffnung, dass wir ein bisschen näher an den Kern kommen, was wirklich wirklich wichtig ist für die Arbeit der Zukunft.